Gisela Friedrichsen
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Verleihung des „Regino-Preises“ am 1. Juni 2006 in Koblenz
 
 
 
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
 
 
heute werden hier fünf Journalisten-Kollegen ausgezeichnet, die auf ganz unterschiedliche Weise – bedingt durch das Medium, für das sie tätig sind – der Öffentlichkeit vermittelt haben, was vor Gericht geschieht. Zwei Kolleginnen haben in einer Wirtschaftszeitung über viele Wochen hinweg mit großer Sorgfalt den Mannesmann-Prozeß vor dem Landgericht Düsseldorf beschrieben; eine Kollegin vom DeutschlandRadio hat eine Sendung zusammengestellt über den weit über die belgischen Landesgrenzen hinaus die Menschen erschütternden Fall des Mädchenmörders Marc Dutroux. Und – für mich eine besondere Freude, da ich durch meine Berichterstattung im SPIEGEL Samuel Schirmbeck gleichsam angestoßen habe, sich des Themas mit seinen Mitteln anzunehmen - , ein Film über den in den Boulevardmedien als „Todesraser“ gescholtenen Mitarbeiter eines schwäbischen Autoherstellers.
 
 
Ich weiß nicht, wer von Ihnen schon jemals an einer Hauptverhandlung als Beobachter teilgenommen hat. Hier sind Anwälte anwesend, Richter, Staatsanwälte - Juristen auf jeden Fall, die sich mit den Gesetzen, ihrer Kommentierung und Anwendung auskennen und den politischen Notwendigkeiten, auf neue Tatbestände entsprechend reagieren zu müssen. Doch wir sind Journalisten: Wir haben nicht anzuklagen, nicht zu verteidigen, auch nicht zu richten. Sondern wir haben aufzupassen, hinzuschauen, hinzuhören, zu beobachten und dies dann mitzuteilen. Wir haben zu vermitteln zwischen der Öffentlichkeit und der Justiz. Wir haben dem Bürger zu erklären, was in der Justiz geschieht, zum Beispiel wie und warum es zu einem bestimmten Urteil gekommen ist (ich erinnere nur an Ehrenmord-Fall in Berlin, der große Verwirrung hervorgerufen hat, oder an den Prozeß gegen die Mutter, der die Tötung von neun Neugeborenen angelastet wurde, und der jetzt gerade in Frankfurt/Oder zu Ende gegangen ist). Wir haben dem Leser, dem Zuhörer/Zuschauer die Urteile zu erklären. Wir haben zu berichten, ob sich das, was in einer Anklage steht, vor Gericht auch bewahrheitet oder ob die Sache voraussichtlich ganz anders ausgehen wird als zunächst erwartet. Ich wurde kürzlich gefragt, ob man im Saarbrücker Pascal-Prozeß etwa Freisprüche zu „befürchten“ habe. Wäre es für den Bürger etwa beruhigender, frage ich zurück, wenn in unserem Land Menschen auch zu hohen Haftstrafen verurteilt würden, denen nicht nachzuweisen ist, dass sie eine Straftat begangen haben?
 
Wir Journalisten haben aber auch der Justiz zu erklären, warum die Öffentlichkeit bestimmte Urteile oder die Begründung dafür nicht mehr versteht. Es gibt solche Urteile, solche Begründungen, und wir haben die Pflicht, wenn wir unseren Beruf richtig verstehen, dies der Justiz mitzuteilen. Ich habe großen Respekt vor Richtern, die sich mit einer fundierten Kritik in den Medien auseinandersetzen und sie nicht von vornherein als völlig unbeachtlich abtun. Ein hoher Richter sagte zu mir mal: Wir brauchen euch Journalisten; wer sonst hält uns den Spiegel vor und sagt uns, ob wir uns verständlich gemacht haben? Wir Journalisten haben viel Freiheit dabei, wir können tatsächlich der Justiz und auch der Gesellschaft und der Politik, einzelnen Institutionen, auch uns selbst, den Medien, einen Spiegel vorhalten, mehr als das die Richter tun können, die sich nur mit dem Einzelfall zu befassen haben. Wir haben daher auch sehr viel Verantwortung.
 
Der Bürger kann einen Strafprozeß ja nicht im Fernsehen verfolgen wie ein Fußballspiel, und Sie wissen, wie viele Menschen, es sind wahrscheinlich Millionen, sich für die besseren Bundestrainer halten. Der Bürger kennt oft nur Barbara Salesch oder den Fernseh- Jugendrichter Alexander Hold, bei denen drei Fälle in 30 Minuten verhandelt werden, in einem fantastischen Tempo also; bei denen im Saal gebrüllt werden und sich ein deus ex machina aus dem Publikum erheben darf, um dem Gericht klarzumachen, wer und wie es gewesen ist. Der Bürger fragt sich dann, gewohnt, die Guten leicht zu erkennen und die Bösen ebenso, warum es vor den echten Gerichten immer so lange dauert und warum die Richter nicht einfach mit dem Hammer auf den Tisch schlagen. Die Gerichtsshows haben den Zuschauer gelehrt, dass die Gerechtigkeit immer siegt, eine Gerechtigkeit, von der wir wissen, dass sie in keinem Strafprozeß je zu erreichen ist. Zweifel? So etwas kommt da nicht vor. Auch für Kritik an der Justiz ist in diesen Medienprodukten kein Raum, ebenso nicht für den Weg des Täters zur Tat, den nachzuzeichnen nach meiner Beobachtung in letzter Zeit nicht immer ausreichend Raum gegeben wird (vielleicht wegen des schwindenden Interesses der Öffentlichkeit oder der inzwischen herausgehobenen Rolle des Opfers). Die ärgste Fatalität dabei ist, dass die meisten Zuschauer dieser billigen Inszenierungen des Rechts der rührenden Meinung sind, sie könnten sich nun selbst ein Bild machen – von den Tätern, von der Justiz. Sie haben ja an der Sitzung teilgenommen.
 
Die Gerichtsreportage gehört wie der politische Kommentar und das Feuilleton zu den klassischen Genres im Journalismus. Als literarische Form reicht sie weit in die Vergangenheit zurück. Denn immer schon interessierten sich die Menschen vor allem für das, was andere Menschen einander antaten, und wozu der Mensch, also auch man selbst, fähig ist, im Guten wie im Bösen. Der Straftäter als Sündenbock, auf den sich die eigenen Schuld abladen lässt zur Vergewisserung eines positiven Selbstbildes, war schon dienstbar, als man die Geschichten von Mord und Totschlag noch nicht niederschrieb, sondern mündlich überlieferte. Später unterhielten und belehrten die Bänkelsänger ihr staunendes Publikum auf Märkten und Messen. Aus dem vorigen Jahrhundert erinnern wir uns an große Namen – Paul Schlesinger in der Weimarer Zeit, der der Vossischen Zeitung gesellschafts- und justizkritische Skizzen aus dem Berliner Kriminalgericht Moabit lieferte, später Gerhard Mauz, der von den 60er Jahren an im SPIEGEL über den Frankfurter Auschwitz-Prozeß ebenso berichtete wie etwa über die RAF-Verfahren in Stuttgart-Stammheim, und der den heutigen Gerichtsreportern Fragen mitgab, die uns – fast möchte ich sagen - täglich mehr beschäftigen. Etwa: Wie beschreibe ich das Unmenschliche, ohne den Täter zum Unmenschen werden zu lassen? Wo stehe ich, der schreibende oder eine Sendung produzierende Journalist, was will ich, was verlangt man von mir, wie weit habe ich dem Zeitgeist, den Erwartungen der Öffentlichkeit oder meines Chefredakteurs nachzugeben? Wonach habe ich mich zu richten: Nach den Vorgaben des Presserats? Reicht das? Oder muß ich nicht doch in erster Linie auf mein eigenes Gewissen hören, immer wieder mich selbst befragen, was ich da eigentlich tue – oder anderen antue mit meiner Berichterstattung. Brillanz, der Feuilletonist hat da Narrenfreiheit, ist für den Gerichtsberichterstatter kein Kategorie. Auch das hat Gerhard Mauz gelehrt. 
 
Die Presse galt immer als die vierte Gewalt im Staat. Heute haben wir die Medien, die einen ungeheuren Konkurrenzkampf führen, die sparen an allen Ecken und Kanten, die erfahrene Mitarbeiter entlassen, weil sie zu teuer geworden sind, deren Arbeit dann junge, unerfahrene und oft recht kenntnislose junge Leute irgendwie erledigen. Wer sich nicht auskennt, wem der Arbeitgeber nicht die Chance bietet, sorgfältig und gründlich zu arbeiten und sich durch stetige Übung einen Erfahrungsschatz anzueignen, wird allzu leicht Opfer gerissener Anwälte, die heute ihre Mandanten bisweilen geradezu schamlos vermarkten. Die Medien werden dann gern ob ihrer Indezenz gescholten. In Wahrheit sind sie nur Teil eines Geschäfts, das längst andere kontrollieren (die Staatsanwaltschaften haben im übrigen von dieser Art Anwälten und ihres Versuchs, Prozesse auch über die Medien zu führen, gelernt, auch sie bedienen sich zuweilen gern und gekonnt dieser vierten Gewalt im Staat). Wer aber kontrolliert sie, diese vierte Gewalt? Der Markt, sonst niemand.
 
Es gibt ungeahnte Möglichkeiten, interessante Stoffe – und Straftaten, auch Gerichtsverhandlungen sind Premium-Themen – zu verarbeiten. Wenn Sie abends den Fernseher anschalten: Krimis, Tatorte, Kommissarinnen, Gerichtsmediziner, auf jedem Kanal findet man etwas. Ich möchte in diesem Zusammenhang besonders auf die Leistung Samuel Schirmbecks hinweisen – nicht, weil er mit seinem Film über den angeblichen Todesraser genau den Eindruck höchst anschaulich vermittelte, den ich in den zwei Prozessen gegen den Mann gewonnen hatte - , sondern weil hier gezeigt wird, wie man mit den Mitteln des Fernsehens einen seriösen, kritischen, der Wahrheit verpflichteten und – spannenden - Film drehen kann. Das Fernsehen ruiniert nicht zwangsläufig die Gerichtsberichterstattung. Schirmbecks Film ist dafür der beste Beweise. Natürlich wenden wir uns angeekelt ab, wenn sich die Kameras, weil nicht zugelassen in den Gerichtssälen, auf die Jagd nach Zeugen machen, wenn Film- und Fotoreporter Nachbarn abgreifen und hinter Büschen lauern, nur um das Thema irgendwie in ihre Magazine zu bringen. Schirmbeck zeigt, wie man es anders – und dabei hervorragend gut – machen kann. Darüber freue ich mich sehr. Wie ich mich auch freue, dass es diesen Preis gibt. Denn nicht nur Wissenschaftsjournalisten oder Enthüller, auch Gerichtsreporter  verdienen es, ausgezeichnet zu werden.
 
Copyright © 2001 Wolfgang Ferner
Stand: 14. April 2008